What Degree of Idiocy Must our Society Bear?

In the past days and weeks a book that successfully competes among the 333 most unnecessary things (closely following Microsoft Office’s tremendously helpful zealous paper clip) became very popular in Germany. The following is a letter that I wrote to the chief director of the public radio broadcaster Deutschlandfunk, Mr. Stefan Detjen, after he stated today morning that the vast majority of reactions reaching him so far basically agreed with the contents of this questionable publication. The letter is written in German language.

2010-09-03

Sehr geehrter Herr Stefan Detjen,

als Chefredakteur des Deutschlandfunks berichteten Sie heute morgen, dass Sie eine Vielzahl an Hörerreaktionen zur Debatte um die jüngste Publikation von Herrn Sarrazin erreichte, von denen sich eine überwältigende Mehrheit von etwa zwei Dritteln auf die Seite des Autors stellten [1], was insbesondere angesichts der nahezu geschlossenen Ablehnung quer durch die demokratischen Institutionen bemerkenswert ist.

Ich muss gestehen, dass die nicht zu leugnende Sympathie vieler Menschen für Herrn Sarrazins Thesen nicht unbedingt dazu beigetragen hat, meine Meinung über die deutsche Zivilgesellschaft zu verbessern. Andererseits möchte ich auch zu bedenken geben, dass angesichts der unisonen Ablehnung durch unsere demokratischen Repräsentanten die Notwendigkeit, diese nochmals zu bestätigen, von vielen vernünftigen Bürgern womöglich nicht in dem Ausmaß gesehen wurde. Das Geringste, das ich zur Besserung der Statistik beitragen kann, ist, Ihnen diese meine Stellungnahme zur Debatte als offenen Brief nachzureichen.

Herr Sarrazin hat ein Buch — das er selbst stets betont als “wissenschaftlich” bezeichnet [2] — zu einem Thema geschrieben, das viele Menschen in unserer Gesellschaft bewegt. Er weiß außerdem: Skandale fördern den Verkauf. Was liegt näher, als einen kleinen Skandal zu provozieren? Der Markt gibt ihm Recht. Das Buch verkauft sich blendend [3].

Thilo Sarrazin hatte — unter anderem in Ihrem Sender [2] — ausgiebig Gelegenheit, öffentlich zu seiner Publikation Stellung zu nehmen. Die meisten Autoren können von derlei nur träumen. Herr Sarrazin hat diese Auftritte nicht dazu benutzt, Missverständnisse aufzuklären, sondern im Gegenteil um weiter Öl ins Feuer zu gießen. Am Höhepunkt seiner Eskapaden stolperte er im Interview mit der Berliner Morgenpost etwa schnell mal in eine Aussage über genetische Besonderheiten von Juden, um sie — wohl nicht zuletzt auch aus Angst vor dem Strafrecht — kurz darauf wieder als Ungeschicktheit abzutun [4]. Ich komme aus einem schönen Land im Süden Deutschlands, in dem man teuer Skifahren und billig tanken kann, und in dem rechtspopulistische Partien als “drittes Lager” gelten, das regelmäßig auf 20 Prozent und mehr Stimmen kommt. Diese schmierige Art Tabus anzurempeln ist mir nur allzu gut bekannt.

Wissenschaftliche Zustimmung zu den Theorien, nach denen sich Deutschland abschafft, konnte mir bislang noch nicht auffallen. Einhellige Kritik der Fachwelt dagegen sehrwohl [5][6]. Wenn viele Ihrer Hörer Ihnen, Herr Detjen, schreiben, dass in den Aussagen im Kern doch etwas Wahres stecke, dabei aber, wie Sie berichteten, auf den Inhalt der abstrusen Vererbungstheorien nur in den seltensten Fällen eingehen, dann machen diese Kommentatoren einen entscheidenden Fehler: Sie verwechseln Problem und Erklärung.

Auf andere Wissenschaften übertragen könnte man sich vorstellen, jemand publizierte, dass die Folge 2(2n) + 1 aufsteigend sämtliche Primzahlen liefere. Zweifellos ist es richtig, dass die Bestimmung von Primzahlen eine außerordentlich bedeutsame Aufgabe ist. Die dazu vorgeschlagene Lösung ist jedoch schlichtweg falsch (siehe [7]).

Nach allem, was man bisher über das Buch und dessen Autor weiß, kann man eigentlich nur eines feststellen: Herr Sarrazin hat einen Knall. Nun ist Dummheit zwar kein explizites, aber doch auch ein ungeschriebenes Menschenrecht. Und selbstverständlich ist es in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland auch gestattet, im Rahmen der vom Strafrecht gezogenen Grenzen, blanken Unsinn zu publizieren. Das Recht auf freie Meinungsäußerung spricht der Privatperson Thilo Sarrazin auch niemand ab.

Nun ist besagter Autor allerdings nicht nur Privatperson, sondern hat einen Vorstandsposten der Deutschen Bundesbank inne. Das Recht, einen Knall zu haben, steht jedem zu. Es zu gebrauchen qualifiziert aber nicht unbedingt dazu, die Geschicke der Bundesbank zu leiten. Nicht mehr und nicht weniger, als regelmäßige Alkoholexzesse zwar nicht verboten, aber in einer derartigen Position schlichtweg unhaltbar sind. Die Bundesbank hat daher mit gutem Recht entschieden, sich von diesem Mitarbeiter trennen zu wollen.

Auch ein Beharren darauf, der Autor präsentiere das Buch ja nicht in seiner Funktion als Vorstand, sondern in seiner Freizeit, geht ins Leere. Man kassiert nicht ein Vorstandsgehalt von 230 000 Euro [8] um nach acht Arbeitsstunden aus dem Büro zu gehen und nicht mehr zu wissen, für wen man dort arbeitet und welche Verantwortung man trägt. Wer die Narrenfreiheit des kleinen Mannes liebt, der ist dort am besten aufgehoben, wo Herr Sarrazin sich hoffentlich bald finden wird — im mehr oder minder wohl verdienten Ruhestand.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass in Zeiten, in denen die öffentliche Meinung über die Mitarbeiter des Bankenwesens so schlecht ist wie nie, eine Person aus der höchsten Etage eben dieses zu solcher Popularität gelangt. Schon allein im Sinne der Gerechtigkeit gegenüber seinen Kollegen, die ihre Posten mit Verantwortung tragen und ihr Gehalt durch harte Arbeit rechtfertigen, anstatt versuchen, sich mit derben Büchern ein nicht im Geringsten notwendiges Zubrot zu verdienen, ist es unerlässlich, dass Herr Sarrazin die Bank verlässt.

Referenzen:

[1] Deutschlandfunk: Interview – Die Mehrheit der Hörer ist deutlich für Thilo Sarrazin. (2010-09-03 08:10 Uhr) — online Version
[2] Deutschlandfunk: Interview der Woche – “Ich bleibe SPD-Mitglied bis an mein Lebensende”. (2010-08-29 11:05 Uhr) — online Version
[3] Westfälische Nachrichten: Sarrazin-Buch wird ein Bestseller. (2010-09-03) — online Version
[4] Berliner Morgenpost: Sarrazin räumt einen einzigen Fehler ein. (2010-08-30 17:15) — online Version
[5] Frankfurter Rundschau: Psychologe über Sarrazin „Absoluter Unsinn“. (2010-08-31) — online Version
[6] Frankfurter Rundschau: Sozialforscher Zick: “Da kommt Hass zum Vorschein”. (2010-09-02) — online Version
[7] Seite “Fermat-Zahl”. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. August 2010, 14:04 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Fermat-Zahl&oldid=77958273 (Abgerufen: 3. September 2010, 18:58 UTC)
[8] Financial Times Deutschland: Bundesbank schafft Sarrazin ab. (2010-09-02) — online Version

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