Bitte mehr Blasphemie im Deutschlandfunk

Sehr geehrter Intendant,

ein Blick in Ihr heutiges (18. August 2012) Sendeprogramm des Deutschlandfunks veranlasst mich zu entsetztem Kopfschütteln.

Gestern hatte in Russland der korrupte Filz aus Kirche und Staat wieder einmal eine seiner grässlichsten Fratzen gezeigt und die drei russischen Künstlerinnen und politischen Aktivistinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wurden mit einer mehr als fadenscheinigen Begründung zu jeweils zwei Jahren Straflager verurteilt, weil sie es gewagt hatten, sich in einer Kirche so zu benehmen, wie man es „nicht tut“ — Ihr Programm hat ausführlich darüber berichtet.

Ich bin froh und dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem wir die Freiheit als ein hohes Gut schätzen und nötigenfalls zu verteidigen gewillt sind. Leider sind aber auch hierzulande immer wieder antisäkulare Begehrlichkeiten anzutreffen und der Weg zu einem wahrhaft säkularen Staat ist noch ein weiter. Erst vor Kurzem, am 18. Juni, hatte der Schriftsteller Martin Mosebach in der Frankfurter Rundschau ein schreckliches Plädoyer für ein strenges — will sagen, aberwitziges — Blasphemieverbot in Deutschland veröffentlichen dürfen.

Heute, am Tag nach dem skandalösen Urteil in Moskau, ist ebenjener Mosebach zu Gast in Ihrem Programm. Werden Sie ihn fragen, ob er sich in Deutschland Prozesse wie jenen gegen Frau Tolokonnikowa, Aljochina und Samuzewitsch wünscht? Wird er zu Vorwürfen, er würde die freiheitlich demokratische Grundordnung infrage stellen, Rede und Antwort stehen müssen? Wird es für ihn unangenehm werden? Nein! Er wird die vollen fünfzig Minuten der Sendung Klassik-Pop-et-cetera gewidmet bekommen, um sich zur besten Sendezeit selbst in Eigenregie in Szene setzen zu dürfen. Die Programmvorschau, in der Mosebach voll hörbarer Freude einen achso wundervoll singenden georgischen Kirchenchor ankündigt, lässt nichts Gutes hoffen.

Bekanntlich ist Klassik-Pop-et-cetera eine voraufgezeichnete Sendung. Sie haben bis zum geplanten Sendebeginn noch fünf Stunden Zeit. Ich bitte Sie diese Zeit zu nutzen, die geplante Sendung abzusetzen. Senden Sie stattdessen doch 50 Minuten Punk-Rock. Oder wiederholen Sie das Interview von 6:50, das unmittelbar nach der Morgenandacht, wenn jeder vernünftige Hörer längst abgeschalten hat, ohnehin sehr unglücklich platziert ist. Oder öffnen Sie das Fenster und lassen Sie die Vögel singen. Oder machen Sie ganz einfach 50 Minuten Sendepause. Das wird vielleicht nicht Ihre beste Sendung werden. Ich werde sie mit Freuden dem scheinheiligen Geplappere eines Herrn Mosebach vorziehen, und auch den georgischen Gesängen keine Träne nachweinen.

Mit freundlichen Grüßen

Moritz Klammler

PS Ich habe diesen Text auf meinem Blog https://mklammler.wordpress.com/2012/08/18/blasphemie/ veröffentlicht.

One Comment

  1. mklammler
    Posted 2012-08-18 at 05:23 | Permalink | Reply

    Das Interview um 6:50 hat mich soeben köstlich amüsiert…

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